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Vladimir Spivakov: Der hintergründige Guru

Seit 25 Jahren leitet der russische Geiger Vladmir Spivakov das Musikfestival in Colmar: Eine Visite.

 

Die Augen des Patron in dem kleinen tunesischen Restaurant werden immer größer? Ob in der Kirche St. Matthieu um die Ecke heute Abend ein Konzert sei, fragt er, um dann, als er das dicke Programmbuch auf dem Tisch liegen sieht, die Antwort gleich selbst zu geben: “Ah, c’est le Festival Spivakov. C’est magnifique…”

Manchmal bekommen die Dinge eben eine eigene Wendung, ein neues Etikett, ohne dass das von vorneherein so beabsichtigt war. Das “Festival Spivakov” trägt offiziell noch immer den etwas sperrigen Titel Festival International de Colmar. Aber es ist längst zum Synonym geworden für den Namen seines künstlerischen Spiritus Rector. Seit einem Vierteljahrhundert nun steht Vladimir Spivakov dem Festival in der Hauptstadt des Département Haut-Rhin als künstlerischer Leiter voran. Als er es übernahm, 1989, hieß es noch schlicht Festival de Colmar, zehn Jahre lang geprägt von Karl Münchinger und seinem Stuttgarter Kammerorchester, geprägt vor allen Dingen von dessen musikalischen Hausgöttern Bach und Mozart. Das Attribut “international” war dem russischen Weltklassegeiger ein besonderes Anliegen. Die pittoreske elsässische Stadt mitten in Europa sollte mit ihren von Historie geradezu getränkten Schauplätzen für knapp zwei Wochen zu einer Drehscheibe eines Klassikbetriebs werden. Ein Festival, bei dem sich die Weltstars von heute mit ihren potenziellen jungen Nachfolgern auf Augenhöhe begegnen.

 

Was alles davon eingelöst wurde, lässt sich nach 25 Jahren nicht mit Bestimmtheit sagen. Ein wirklich innovativer Ort ist das “Festival Spivakov” sicher nicht geworden; das 20. Jahrhundert fristet ein Schattendasein – und die musikalische Gegenwart, nun ja… Vielleicht ist die von Mittelalter und Renaissance geprägte Stadt, in der sich Tag für Tag unendliche Touristenströme auf der Suche nach Postkartenfotomotiven, Edelzwicker & Co durch die Gässchen zwängen, gar nicht prädestiniert für ein Zukunftslabor. Ihre musikalische Identität heißt Spivakov. Einem Buddha gleich strahlt des Künstlers Konterfei überdimensional von den zahllosen elektrischen Werbetafeln, wie man sie aus nahezu jeder französischen Stadt kennt: die rechte Hand an den Hals gefasst, alles andere versinkt in tiefem Schwarz. Der stille Guru in Künstlerpose.

 

Doch das von der PR geschaffene Mysterium täuscht ein wenig. Spivakov drängt sich nicht in den Vordergrund. Er ist bei allen Eröffnungskonzerten anwesend, einfach als Zuhörer. Und wenn er bei einem Empfang ein paar Worte an das offizielle Festival-Colmar richten muss, dann wirkt das überaus bescheiden, stets in tiefer Dankbarkeit, dass ihm das alles vergönnt sei, und stets verknüpft mit ein paar hintergründigen Gedanken.

 

Und so verzichtet Spivakov auch in seinem Jubiläumsjahr auf das Jus primae noctis – er wird ohnedies noch an acht von insgesamt 28 Abenden am Pult “seiner” Klangkörper stehen: der Moskauer Virtuosen und der Russischen Nationalphilharmonie. Die Ehre der ersten Abende gebührt dem Radiosinfonieorchester Berlin und seinem Chef Marek Janowski.<…>